Historische Kulturlandschaft – Streuobst früher & heute
Streuobstwiesen sind nicht nur Lebensraum, sondern auch Kulturerbe. Diese Seite zeigt, wie sie über Jahrhunderte unsere Landschaft geprägt haben, warum sie im 20. Jahrhundert weitgehend verschwanden – und welche Rolle sie heute wieder spielen.
1. Die traditionelle Streuobst-Kulturlandschaft
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehörten Streuobstgürtel, Baumalleen, wiesenbasierte Agroforstsysteme und kleinteilige Felder zum typischen Erscheinungsbild vieler Regionen in Deutschland. Rund um Dörfer lagen Gürtel aus Hochstammobstbäumen, die Weiden, Äcker und Wege begleiteten.
Streuobstwiesen waren echte Multifunktionsräume. Sie vereinten:
- Vorratswirtschaft für Obst, Most, Dörrprodukte und Brennereiobst,
- Weide- und Mähflächen für Rinder, Schafe und Ziegen,
- Landschaftsschutz gegen Wind- und Bodenerosion,
- Habitate für Vögel, Insekten, Kleinsäuger und Fledermäuse,
- soziale Treffpunkte für Ernte, Mosten und gemeinschaftliche Arbeit.
📌 Historischer Fakt
Noch um 1950 existierten in Deutschland schätzungsweise über 1 Million Hektar Streuobstflächen. Heute sind davon nur noch etwa 25–30 % übrig geblieben.
2. Streuobst als Kulturraum – Alltag, Feste & Sprache
Streuobstwiesen waren über Jahrhunderte fest in den Alltag eingebunden. Viele Dörfer kannten sogenannte Baumrechte: Eine Wiese gehörte einem Landwirt, die Nutzrechte einzelner Bäume jedoch anderen Familien. Pflege, Schnitt und Ernte wurden gemeinschaftlich organisiert.
Im Herbst zog oft das ganze Dorf zur Ernte hinaus. Das gemeinsame Mosten war mehr als Arbeit – es war ein soziales Ereignis, bei dem Neuigkeiten ausgetauscht, Rezepte weitergegeben und Feste vorbereitet wurden. Blüten- und Mostfeste, Erntedank und regionale Spezialitäten sind direkte kulturelle Nachwirkungen dieser Tradition.
Auch in Sprache und Symbolik hat Streuobst Spuren hinterlassen: Redewendungen wie „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ oder „In den sauren Apfel beißen“ stammen aus der unmittelbaren Erfahrung mit Obstbau und Ernte. Flurnamen und Ortsbezeichnungen mit „Apfel“, „Kirschgarten“ oder „Birnbaum“ verweisen auf frühere Baumlandschaften.
3. Sortenvielfalt & Wissensschatz
Über Jahrhunderte entstand ein beeindruckender Reichtum an Obstsorten. Viele davon entstanden zufällig aus Sämlingen und wurden von Bäuerinnen und Bauern aufgrund von Geschmack, Robustheit oder Lagerfähigkeit ausgewählt. So entwickelten sich robuste, regional angepasste Sorten.
Mit ihnen entstand ein großer Wissensschatz:
- Kenntnis geeigneter Standorte für bestimmte Sorten,
- Erfahrungswissen über Schnitt und Pflege langlebiger Hochstämme,
- Fähigkeit, Früchte ohne Kühlung haltbar zu machen (Trocknen, Einkochen, Einlagern),
- Herstellung regionaler Spezialitäten wie Most, Viez, Brände, Mus oder Quittenbrot.
Pomologen des 18. und 19. Jahrhunderts begannen, diese Sorten systematisch zu erfassen. Ihre Sortenbeschreibungen sind bis heute wichtige Quellen, wenn es darum geht, alte Bestände zu identifizieren und zu erhalten.
4. Luftbilder & historische Perspektiven
Historische Luftaufnahmen aus den 1930er–1960er Jahren zeigen klar erkennbare Obstbaumgürtel rund um zahlreiche Dörfer. Diese Strukturen wurden bewusst angelegt, um:
- Wind zu brechen und Erosion zu mindern,
- Weideflächen zu beschatten,
- Futter- und Vorratsreserven für Mensch und Tier zu schaffen,
- das Mikroklima für angrenzende Ackerflächen zu verbessern.
Die folgenden Bilder sind künstlich erzeugt, orientieren sich jedoch eng an typischen historischen Landschaftsstrukturen der 1930er–1950er Jahre.
5. Rückgang im 20. Jahrhundert – Die große Vereinheitlichung
Der tiefgreifende Wandel der Agrarlandschaft im 20. Jahrhundert gehört zu den einschneidendsten ökologischen Veränderungen Mitteleuropas. Zwischen etwa 1950 und 1990 gingen in Deutschland rund 70–80 % aller Streuobstbestände verloren. Dieser Rückgang ist historisch belegt und wird in zahlreichen Studien als „Große Vereinheitlichung“ der Landschaft beschrieben (Plachter & Hampicke, 2010; BfN, 2020).
Die Ursachen waren vielschichtig und eng miteinander verknüpft:
- Flurbereinigung (1950–1980): Großflächige staatliche Maßnahmen zur „Modernisierung“ der Landwirtschaft führten zur Beseitigung kleinteiliger Strukturen, Hecken, Obstbaumgürtel und unregelmäßiger Parzellen. Zwischen 1955 und 1985 wurden in Westdeutschland über 11 Millionen Hektar Flächen neu geordnet – oft zulasten der Streuobstgürtel an Feldrändern.
- Intensivierung von Ackerbau & Grünland: Der Übergang von Handarbeit und extensiven Wiesen zu maschinengerechten, homogenen Flächen machte Hochstammobstbäume unpraktisch. Zugleich führten Mineraldünger, Silage, frühe und häufige Mahd und schwere Maschinen zu starkem Rückgang der Artenvielfalt.
- Professionalisierung des Obstbaus (Plantagen): Mit der Entstehung von Plantagen mit Niederstamm- und Spindelbüschel-Bäumen wurde Obst zunehmend „monokulturell und industriell“ produziert. Handgepflegte Hochstämme galten als unrentabel.
- Billigimporte & internationale Märkte: Ab den 1970er Jahren überschwemmten günstige Apfelimporte aus Italien, Frankreich, Spanien und später Neuseeland den Markt. Regionale Hochstämme konnten preislich nicht konkurrieren.
- Aufgabe traditioneller Pflege: Mit dem Wegfall der Obstverwertung in vielen Haushalten (Most, Dörren, Einmachen) verloren Bäume ihren Nutzungssinn. Viele Bestände wurden sich selbst überlassen und schließlich gerodet.
- Siedlungs- & Verkehrsflächen: Der enorme Flächenverbrauch der 1960er–2000er Jahre führte dazu, dass Obstbau-Gürtel an Dorfrändern zu „Baureserven“ wurden. Viele Dörfer verloren >40 % ihrer ursprünglichen Streuobstflächen.
📉 Zahlen & Fakten zum Rückgang
- Deutschland hatte um 1950 über 1 Million Hektar Streuobstflächen.
- Heute existieren noch etwa 250.000–300.000 Hektar.
- Damit gingen über 200 Millionen Hochstammobstbäume verloren.
- In Rheinland-Pfalz sind weltweit bedeutende Sortenschätze betroffen (z. B. Viezkultur).
- Zwischen 1975 und 2000 gingen in manchen Kreisen über 80 % verloren.
5.1 Landschaftsökologische Folgen
Die großflächige Vereinheitlichung der Landschaft führte zu tiefgreifenden ökologischen Veränderungen:
- Verlust der Habitatvernetzung → Streuobstwiesen waren Trittsteinbiotope zwischen Wald, Feld und Siedlung.
- Rückgang spezialisierter Arten → Steinkauz, Wendehals, Gartenrotschwanz, Siebenschläfer, zahlreiche Wildbienenarten.
- Erosion & Bodenverdichtung → Ohne Wurzelsysteme und Grasnarben kam es zu deutlich mehr Abtrag.
- Verlust genetischer Vielfalt → Alte Apfel-, Birnen- und Pflaumensorten verschwanden großflächig.
- Aufheizung der Agrarlandschaft → Wegfall von Schatten, Windschutz, Verdunstungskühlung.
- Rückgang des regionalen Wissens → Schnitttechniken, Sortenkenntnis, Mosttraditionen gingen verloren.
5.2 Regionale Beispiele (Rheinland-Pfalz)
- Vulkan-Eifel & Maifeld: Viele alte Obstwiesen verschwanden durch Flurbereinigung und intensives Grünland.
- Südeifel & Mosel: Früher bedeutende Hochstammapfel- und Birnengebiete – heute stark fragmentiert.
- Hunsrück: Zahlreiche Wiesen stillgelegt oder von Fichtenmonokulturen verdrängt.
- Westerwald: Blühende Dörfer der 1950er kaum wiederzuerkennen – Obstgürtel nahezu verschwunden.
All diese Entwicklungen bilden die ökologisch und kulturell bedeutsame Grundlage dafür, dass Streuobst heute als besonders schutzbedürftiger Biotoptyp eingestuft wird.
6. Infografik: Streuobst früher vs. heute
Die folgende Infografik stellt eine typische Landschaft um 1950 einer heutigen, stark vereinheitlichten Agrarlandschaft gegenüber:
7. Streuobst im 21. Jahrhundert – Symbol für Nachhaltigkeit
Heute werden Streuobstwiesen zunehmend als das erkannt, was sie sind: Hotspots der Biodiversität, wichtige Kohlenstoffspeicher und identitätsstiftende Kulturlandschaften. Sie stehen für:
- Lebensraum für gefährdete Arten (z. B. Steinkauz, Wendehals, zahlreiche Wildbienenarten),
- Genreservoir für robuste, alte Obstsorten,
- Beispiele für extensive, naturverträgliche Landnutzung,
- Orte für Umweltbildung, regionale Wertschöpfung und Erholung.
Förderprogramme, Bürgerinitiativen und regionale Vermarktungskonzepte tragen dazu bei, einzelne Bestände zu sichern oder neu anzulegen – dennoch bleibt der Gesamtbestand in vielen Regionen rückläufig.
8. Die Rolle der Streuobst & Wald gUG
Vor diesem Hintergrund versteht sich die Streuobst & Wald gUG als Akteurin, die historische Streuobststrukturen aufgreift und in eine zukunftsfähige Form überführt. Unsere Arbeit umfasst:
- Neuanlage und Pflege extensiver Streuobstwiesen im Kreis Mayen-Koblenz,
- Unterstützung beim Erhalt alter Sorten und regionaler Obstbestände,
- Vernetzung von Streuobst mit Wald, Blühflächen und Gewässerrandstreifen,
- Kooperation mit Landwirt*innen, Imkereien, Kommunen und Initiativen,
- Vermittlung von Wissen über Geschichte, Ökologie und Pflege von Streuobst,
- Integration von Monitoring (z. B. Bestäuber, Boden, Mikroklima) in Projekte.
So werden historische Kulturlandschaften nicht nur bewahrt, sondern aktiv weiterentwickelt – als resiliente, artenreiche und klimawirksame Landschaftselemente.
9. Literatur (APA)
BfN. (2020). Biodiversität in Streuobstbeständen.
Herzog, F. (2004). Agroforestry in Europe. Agriculture, Ecosystems & Environment, 103, 135–152.
Plachter, H., & Hampicke, U. (2010). Conservation Management of Cultural Landscapes. Springer.
Müller, J. (2010). Historische Streuobstlandschaften. In: Obstbau in Mitteleuropa.