Wissenschaftliche Grundlagen
Eine fundierte ökologische Begründung für die Arbeit der Streuobst & Wald gUG zum Schutz von Streuobstwiesen und naturnahen Wäldern im Kreis Mayen-Koblenz.
1. Einleitung – Ökologische, historische & sozioökonomische Rahmenbedingungen
Die Landschaften Mitteleuropas befinden sich seit dem 20. Jahrhundert in einem beschleunigten Prozess struktureller Vereinfachung. Traditionelle Landnutzungsformen – darunter Streuobstwiesen, extensive Weidesysteme und naturnahe Wälder – wurden durch industrielle Agrar- und Forststrukturen ersetzt. Dieser Wandel führte zu einem drastischen Rückgang der Biodiversität, einer Abnahme der ökologischen Resilienz sowie zu genetischen und landschaftsökologischen Verlusten (Plachter & Hampicke, 2010; Fahrig, 2003).
Die Streuobst & Wald gUG sieht es als ihre Aufgabe, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken.
2. Streuobstwiesen – komplexe halboffene Kulturlandschaften
Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Kulturlandschaften Europas. Als ökologische Übergangssysteme zwischen Offenland und Wald (Ecotone) besitzen sie eine außergewöhnlich hohe Struktur- und Artenvielfalt (Forman, 1995; BfN, 2020).
2.1 Ökologische Strukturen und Prozesse
Vertikale Habitatkomplexität:
- Kraut- und Wiesenschicht
- Strauchschicht / Sukzessionsbereiche
- Baumkronenbereiche
- Totholz- und Mikrohabitatstrukturen
Diese Vielfalt ermöglicht hohe ökologische Nischenvielfalt und außergewöhnliche Artenzahlen (Herzog, 2004; Prütting & Bussmann, 2017).
Trophische Interaktionen: Streuobstwiesen beherbergen zahlreiche Bestäuber, Fledermäuse, Kleinvögel, saprophage Insekten, Moose, Flechten und Mykorrhiza-Netzwerke. Dies führt zu außergewöhnlich stabilen Nahrungsnetzen.
Genetische Diversität: Alte Obstsorten besitzen jahrhundertelange regionale Anpassungen, Resistenzmechanismen und sind ein bedeutendes genetisches Archiv (FAO, 2010; Pomologen-Verein, 2018).
2.2 Historische Bedeutung
Streuobstwiesen entwickelten sich über Jahrhunderte aus Allmendenutzung, agroforstlichen Systemen und Vorratswirtschaft. Sie waren lange ein Grundpfeiler der Ernährungssicherheit.
2.3 Gründe für den Rückgang
- Intensivierung der Landwirtschaft
- Wegfall traditioneller Pflege
- Billigimporte und Marktveränderungen
- Siedlungsdruck und Flächenaufgabe
- Rückgang ländlicher Bewirtschaftungsstrukturen
Heute gelten sie als prioritäre Schutzlebensräume (BfN, 2020).
3. Naturnahe Wälder – ökologische Stabilität durch Vielfalt
Naturnahe Wälder zeichnen sich durch komplexe, resiliente Strukturen aus (Brang et al., 2014; Pretzsch, 2019).
3.1 Charakteristika natürlicher Waldökosysteme
- Artenmischung standorttypischer Bäume
- Alters- und Strukturvielfalt
- Hohe Totholzanteile
- Intakte Bodenprozesse
3.2 Problematik moderner Monokulturen
Monokulturen (v. a. Fichte) sind ökologisch instabil, trockenheits- und schädlingsanfällig und sturmgefährdet (Seidl et al., 2011; Bauhus et al., 2013).
3.3 Wiederherstellung naturnaher Wälder
- Umbau zu artenreichen Mischwäldern
- Förderung autochthoner Arten
- Sukzessionsförderung
- Strukturreichere Pflanzmethoden
- Totholz und Biotopbäume erhalten
4. Streuobstwiesen & Wälder als integriertes System
Mosaiklandschaften mit verzahnten Strukturen besitzen besonders hohe Biodiversität (Forman, 1995; Fahrig, 2003).
5. Wissenschaftlicher, gemeinnütziger & bildungsorientierter Auftrag
Forschung & Dokumentation
- Sortenerfassung & genetische Kartierungen
- Biodiversitätsmonitoring
- Habitat- und Bodenanalysen
- Waldumbaustrategien
Bildung & Bürgerbeteiligung
- Schulprojekte & Seminare
- Citizen-Science-Programme
- Ausbildung von Pflegekräften / Baumwarte
Kooperationen
- Gemeinden & Behörden
- Landwirtschaftliche Betriebe
- Universitäten und Forschungspartner
6. Leitbild & Ziele der Streuobst & Wald gUG
- Sicherung & Neuanlage von Streuobstwiesen
- Erhalt alter Obstsorten
- Umbau instabiler Forste
- Förderung von Biodiversität
- Ökologisch nachhaltige Nutzung
- Bildungsarbeit & Bürgerbeteiligung
7. Schlussfolgerung
Streuobstwiesen und naturnahe Wälder sind Schlüsselstrukturen zukünftiger, stabiler Kulturlandschaften. Sie verbinden Biodiversität, genetische Ressourcen und kulturelle Identität. Die Streuobst & Wald gUG engagiert sich wissenschaftlich fundiert und praktisch wirksam für deren Schutz, Erhalt und Weiterentwicklung.
Literaturverzeichnis (APA)
Bauhus, J., Puettmann, K., & Messier, C. (2013). Silviculture for the 21st century. Springer.
Brang, P., Schönenberger, W., Ott, E., & Gardner, B. (2014). Naturnaher Waldbau. Haupt Verlag.
BfN. (2020). Biodiversität in Streuobstbeständen.
FAO. (2010). Global Plan of Action for Genetic Resources.
Fahrig, L. (2003). Effects of habitat fragmentation. Annual Review of Ecology.
Forman, R. T. T. (1995). Land Mosaics. Cambridge University Press.
Herzog, F. (2004). Agroforestry in Europe.
Müller, J., & Bütler, R. (2010). Saproxylic species requirements.
Plachter & Hampicke. (2010). Cultural Landscapes. Springer.
Pomologen-Verein. (2018). Sortenkatalog.
Pretzsch, H. (2019). Forest dynamics. Springer.
Prütting, S., & Bussmann, M. (2017). Streuobst – NABU.
Schütz, J. P. (1999). Uneven-aged forests.
Seidl, R., et al. (2011). Bark beetle outbreaks. Journal of Applied Ecology.