🐝 Bienenboom oder Bienenproblem? Warum die Hobby-Imker nicht der Feind sind
20. Mai 2026 · Eine Antwort zum Weltbienentag
Es ist Weltbienentag, und pünktlich zum 20. Mai veröffentlicht t-online einen Artikel mit einer kontraintuitiven Frage: Können gut gemeinte Bienenstöcke der Natur schaden? Die Schlagzeile spricht von einem „Hobby-Imker-Boom“, der den Wildbienenbestand bedrohe, und droht im Aufmacher mit dem „Bienen-Kollaps“. Solche Texte lesen sich gut. Sie sind zugespitzt, generieren Klicks, lassen sich teilen. Und sie haben mit der wissenschaftlichen Diskussion deutlich weniger zu tun, als sie vorgeben.
Ich halte selbst Bienen – an einer Wiese am Rand eines Feldes in Ochtendung, direkt am Naturschutzgebiet, mit der Nette unten und einem Traumpfad daneben. Und am Waldrand zwischen Weibern und Rieden, auf eigenem Land, wo der Borkenkäfer die Fichten geholt hat. Beides ist Eifel, beides ist Land, beides hat mit dem, was im t-online-Artikel beschrieben wird, herzlich wenig zu tun. Genau das ist das Problem dieser Debatte.
📋 Was der Artikel behauptet
Die Argumentation lässt sich auf fünf Punkte verdichten:
- Seit Corona gibt es immer mehr Hobbyimker (99 Prozent aller Imker in Deutschland).
- Honigbienen leeren Trachtquellen schneller als Wildbienen – Futterkonkurrenz.
- In dichten Beständen verbreiten sich Krankheiten wie die Varroamilbe schnell.
- Unerfahrene Imker erkennen diese zu spät.
- In sensiblen Habitaten wie Heideflächen stören zu viele Völker das Gleichgewicht.
Als Quellen werden Tagesschau und SZ herangezogen – und freethebees.ch, eine Aktivistenorganisation mit der dezidierten Position, dass Imkerei dem Bienenwohl grundsätzlich schadet. Das ist journalistisch fragwürdig.
📊 Die historische Zahl, die alles verändert
Das gewichtigste Gegenargument ist gleichzeitig das einfachste:
Um das Jahr 1900 gab es auf der Fläche des heutigen Deutschlands rund 2,6 Millionen Bienenvölker. Heute sind es etwa 990.000. Das heißt: Wir haben heute rund ein Drittel des damaligen Bestands – und gleichzeitig deutlich weniger Blütenvielfalt, mehr versiegelte Flächen, mehr Pestizide.
Wenn Honigbienen die Wildbienen tatsächlich systematisch verdrängen würden, hätte das Phänomen vor 125 Jahren in epidemischen Ausmaßen sichtbar sein müssen. Es war nicht so. Im Gegenteil: Die historische Wildbienenfauna war damals deutlich vielfältiger als heute. Was den Wildbienen die Existenz nimmt, ist nachweislich nicht die Honigbiene, sondern der Verlust ihres Lebensraums.
Der „Hobby-Imker-Boom“ der Schlagzeile ist in dieser Perspektive zynisch. Was als Boom gefeiert oder kritisiert wird, ist eine zaghafte Teilerholung von einem jahrzehntelangen Niedergang.
🧑🌾 Selbst die Berufsimker widersprechen
Bemerkenswert: Die schärfste Kritik am „Hobbyimker-bedroht-Wildbiene“-Narrativ kommt nicht von Hobbyisten – sondern vom Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbund (DBIB). Dessen Position ist eindeutig: Es gibt keine wissenschaftlich stichhaltigen Belege für die behauptete Verdrängung. Vizepräsident Bernhard Heuvel formuliert deutlich, dass Organisationen wie die Deutsche Wildtierstiftung diese These „aufgrund von Indizien“ verbreiten – ohne saubere Studienlage.
Der DBIB ist eine relevante Stimme, weil er nicht für romantisierende Stadtimkerei spricht, sondern für eine professionelle Bienenhaltung mit harten ökonomischen Kennzahlen. Jan-Dirk Bunsen, Landesgeschäftsführer in Rheinland-Pfalz, sagt offen: „Wenn wir zum Beispiel in die Edelkastanie gehen, dann nur für wenige Wochen. Ist der Baum verblüht, dann sehen wir zu, dass wir so schnell wie möglich die Bienen wieder rausholen.“ Das ist gelebte ökologische Vernunft – nicht Naturzerstörung.
🔍 Wo Konkurrenz real ist – und wo nicht
Ich will nicht behaupten, es gäbe nie ein Konkurrenzproblem. Es gibt Spezialfälle:
- Urbane Ballungsräume wie München oder Berlin: Hier kann Honigbienendichte tatsächlich problematisch werden.
- Schutzgebiete mit Spezialistenfauna (Hochmoore, Heiden, magere Trockenrasen): Dort sollten Honigbienenvölker nicht stehen.
- Kurze Massentrachten mit wandernden Großimkern: punktuell und zeitlich begrenzt.
Sogar die Wildbienen-Spezialseite wildbienen.de räumt ein: „Innerhalb großer Monokulturen findet eine Verdrängung von Wildbienen kaum noch statt, da deren wilde Nahrungspflanzen bereits durch die Monokulturen vernichtet wurden.“ Anders gesagt: Da, wo die Konkurrenz angeblich am größten wäre, ist sie längst nicht mehr das Problem.
Im ländlichen Raum mit Tracht-Reichtum – also genau dort, wo die meisten Hobbyimker stehen – ist die Konkurrenzfrage rechnerisch marginal. Wer wie ich am Rand eines Naturschutzgebietes, einer Eifel-Wiesenlandschaft oder am Mischwald imkert, lebt in einem System mit Trachtüberschuss. Wildbienen-Spezialisten in unserer Region fliegen Mohn, Salbei, Glockenblumen, Skabiosen – Pflanzen, die meine Honigbienen meistens links liegen lassen.
⚠️ Was sonst noch durcheinandergebracht wird
- „Flügelreformationsvirus“: Das Virus heißt Flügeldeformationsvirus (Deformed Wing Virus, DWV). Wer das nicht einmal redaktionell gegenliest, signalisiert die Tiefe der Recherche.
- Der ahnungslose Hobbyimker: Wer in Deutschland Bienen halten will, muss sich beim Veterinäramt anmelden. Vereine bieten strukturierte Schulungen. Varroabehandlung ist Pflichtstoff in jedem Anfängerkurs. Die Karikatur passt nicht zur Realität.
- Wirtschaftskonflikt mit Berufsimkern: Das ist ein Marktthema – kein ökologisches Argument. Es im selben Atemzug zu nennen, vermischt zwei Ebenen.
- Honigbiene global: Apis mellifera ist als Art nicht bedroht. Die Anzahl der Bienenstöcke hat sich weltweit seit den 1960er-Jahren fast verdoppelt.
🤔 Cui bono?
Bernhard Heuvel vom DBIB stellt eine berechtigte Frage: Wem nützt es, wenn zwischen Imkern und Naturschutz Zwietracht gesät wird? Der Verband kritisiert offen, dass die finanzstärkste deutsche Naturschutzstiftung mit großem Aufwand gegen Imker und Honigbienen Stimmung macht, während die echten Treiber des Insektensterbens politisch zu wenig Gegenwind bekommen.
Es ist viel einfacher, dem Rentner mit der BienenBox seine Imkerei auszureden, als der Agrarindustrie die Neonicotinoide. Ersteres bringt Klicks. Letzteres bringt Ärger.
🌱 Was wirklich helfen würde
Die Stellschrauben sind seit Jahrzehnten bekannt:
- Pestizidreduktion in der Landwirtschaft – die Hauptursache, ohne Wenn und Aber.
- Mehr Tracht statt weniger Bienen: Blühstreifen, Saumbiotope, Streuobstwiesen, naturnahe Hausgärten.
- Strukturreichtum: Totholz, offene Sandflächen, Lehmwände – Nistplätze sind oft der limitierende Faktor.
- Vernünftige Standortwahl für Bienenvölker – nicht in Schutzgebiete mit Spezialistenfauna.
- Gute Varroabehandlung – Grunddisziplin, kein Hobby-Sonderthema.
Das alles ist mit aktiver Hobbyimkerei nicht nur vereinbar – es funktioniert mit informierten Imkern besser als ohne sie. Hobbyimker sind die größte ehrenamtliche Naturschutzgruppe in Deutschland, die täglich draußen arbeitet, beobachtet und für Vielfalt sensibilisiert. Wer im Verein angekommen ist, denkt anders über Pestizide. Wer Pollenanalysen seines Honigs studiert, lernt seine Landschaft kennen.
✅ Fazit
Der t-online-Artikel hat einen wahren Kern – urbane Überstockung in Großstädten ist real diskutierbar. Aber er bläst ihn zur pauschalen Hobbyimker-Kritik auf, ignoriert die historischen Vergleichszahlen, verzichtet auf belastbare Studien und überdeckt die eigentlichen Treiber des Insektensterbens. Dass selbst der Berufsverband DBIB dieser Argumentation widerspricht, sollte zu denken geben.
Wer am Weltbienentag wirklich etwas tun will, fängt nicht damit an, dem Nachbarn die Bienen auszureden. Er pflanzt Mohn, lässt den Rasen wachsen, baut Sandarien, kauft Honig vom lokalen Imker und schreibt seinem Bundestagsabgeordneten zur Pestizidpolitik.
Und falls Sie mit dem Gedanken spielen, selbst zu imkern: Tun Sie es. Gehen Sie zum Verein. Lernen Sie es richtig. Suchen Sie sich einen Standort mit Tracht. Und lassen Sie sich von keinem Zeitungsartikel einreden, Sie wären das Problem.
Sie sind es nicht. Sie könnten Teil der Lösung sein.
🐝 Bienen schützen heißt Strukturen schützen
Wer regionalen Honig kauft oder eine Bienenpatenschaft übernimmt, unterstützt nicht nur eine Imkerei – sondern stärkt Bestäubungsleistung, Vielfalt und naturnahe Landschaft vor Ort.
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🔍 Transparenzhinweis
Dieser Beitrag ist ein Meinungs- und Einordnungstext aus der Praxis eines Hobbyimkers. Er stützt sich auf Stellungnahmen des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes, fachliche Quellen zur Wildbienenkunde sowie auf öffentlich verfügbare Bestandszahlen. Die Auswahl der Quellen dient der sachlichen Einordnung der Debatte und soll Leserinnen und Leser zur eigenen Meinungsbildung anregen.
📚 Quellen & Weiterführende Informationen
Die wichtigsten Quellen (Auswahl):
- Deutscher Berufs- und Erwerbsimkerbund (DBIB): „Wildbienen und Honigbienen – Keine künstliche Konkurrenz“
- DBIB: „Werden Wildbienen missbraucht?“
- Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL/BLE): Broschüre „Ohne Bienen, keine Früchte“
- wildbienen.de (Paul Westrich): „Wildbienen vs. Honigbienen“ – zur Konkurrenzfrage
- Rote-Liste-Zentrum (Bundesamt für Naturschutz): Rote Liste der Bienen Deutschlands (Westrich et al. 2011)
Hinweis: Externe Links öffnen neue Fenster. Stand der Informationen: Mai 2026.
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